Lucia Leidenfrost Seite 1122

Gehende lesende Menschen

Manchmal passiert es und ein Glücksgefühl durchströmt jedes Mal meinen Körper: Mir kommen Menschen entgegen, die im Gehen lesen. Vielleicht ist das die seltsamste Art zu gehen. Anstatt sich auf das Heben und sichere Aufstellen der Füße, auf die nächsten fünf Schritte, auf die Straße und die Entgegenkommenden zu konzentrieren, wahrzunehmen, wo man sich befindet, ist der Blick in ein Buch gerichtet. Man sieht nur die eignen Füße und einen winzigen Ausschnitt der Straße, der zwischen Buch und Fuß aufblitzt. Ganz versunken ist man aber in einer anderen Welt, ist man weit weg von dem Ort, an dem man sich eigentlich befindet. Und trotzdem: Man ist gegenwärtig. Denn Bücher erschaffen auch Welten, in denen man sich (be-) finden kann. Und jedes mal freue ich mich, wenn ich solchen Menschen begegne.

 

Bild: Photo by Annie Spratt on Unsplash